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English Medieval Embroidery - Opus Anglicanum
Autor/en: Clare Brown, Glyn Davies, M. A. Michael (Hrsg)
Verlag:Yale University Press und Victoria & Albert Museum
Erschienen:New Haven und London 2016
Seiten:XIV/310
Ausgabe:Leinen mit Schutzumschlag
Preis:GBP 40,00
ISBN:978-0-300-22200-5
Kommentar:Michael Buddeberg, Dezember 2016
 
Besprechung:
Aus unserer heutigen globalen Sicht auf eine immer kleiner werdende Welt, in der Waren wie Informationen überall und jederzeit verfügbar sind, erscheint uns das Mittelalter als eine dunkle, anachronistische Zeit, in der der Blick auf die Welt durch den sichtbaren Horizont begrenzt wurde, Reisen kaum möglich waren und kultureller Austausch so gut wie nicht stattfand. Die Wirklichkeit aber sah ganz anders aus. Adel und Klerus, Händler und Pilger aber auch Handwerker und Künstler waren sich sehr wohl ihres internationalen Umfeldes bewusst, es gab Kontakte und Austausch, Reisen in Europa und über dessen Grenzen hinaus und es gab vor allem ein komplexes internationales Netzwerk von Handelsbeziehungen, das in erster Linie Luxuswaren und wertvolle Rohstoffe zum Gegenstand hatte. Seide und Seidenstoffe hatten in diesem Netzwerk eine herausragende Bedeutung denn kostbare Textilien galten neben oder mit Juwelen und edlen Metallen als unverzichtbare Symbole von Status, Macht und Reichtum. Kostbare Textilien in diesem Sinne waren im 13. und 14. Jahrhundert vor allem aufwendig, mit Seide ebenso wie mit Gold- und Silberfäden bestickte Gewebe, und die schönsten und in ganz Europa begehrtesten dieser Stickereien kamen aus England, was ihnen schon damals den Namen, heute würde man von einer Marke sprechen, „opus anglicanum“ eintrug.

Diesem „opus anglicanum“ ist eine Ausstellung des Victoria & Albert Museum in London (bis zum 05.02.2016) und das dazu erschienene Katalogbuch gewidmet, welches mit 82 Exponaten und acht Essays umfassend in das komplexe Thema einführt. Mit exakten Erklärungen und zahlreichen, teils stark vergrößerten Detailaufnahmen werden zunächst die verschiedenen, oft nebeneinander oder kombiniert angewandten Sticktechniken erklärt, ebenso wie die Herkunft des Materials. Da Seide in England aus klimatischen und technologischen Gründen nicht produziert werden konnte, wurde ausschließlich aus Südeuropa, dem Nahen Osten und sogar aus Zentralasien stammendes Material verwendet. Ein weiterer Beitrag beschreibt die Typen klerikaler Gewänder, in denen sich diese Stickereien vorwiegend erhalten haben, während der Bestand säkularer Stickereien aus jener Zeit verschwindend gering ist. Die Organisation von Handel und Produktion mit einem deutlichen Schwerpunkt in London, wo dieses Gewerbe damals einen wesentlichen Geschäftszweig ausmachte, wird ebenso behandelt wie die wichtigsten Abnehmer, die päpstlichen Höfe in Rom und Avignon und andere europäische Hofhaltungen. Breiter Raum ist der Ikonographie der weit überwiegend figürlichen Stickerei im stilistischen Kontext mit der Kunst der englischen Gotik gewidmet, wobei Architektur, Buchmanuskripte und Malerei mit einbezogen werden. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts und dem zunehmenden Wettbewerb durch flandrische und andere kontinentaleuropäische Stickereien verlor sich die englische Monopolstellung und zugleich der Begriff des „opus anglicanum“ an Bedeutung. Eine Wiederentdeckung dieses Opus und seine allmähliche kunsthistorische Aufarbeitung setzte erst mit der Mitte des 19. Jahrhunderts und der Einrichtung von Museen für Kunsthandwerk, allen voran des vormaligen South Kensington Museum als Vorläufer des Victoria & Albert Museum ein. Mit dem vorliegenden Band und den hier nur summarisch behandelten Beiträgen wird die Forschung zu dieser frühen europäischen Textilkunst nach einer mehr als 50 Jahre zurückliegenden Ausstellung des V&A zu demselben Thema auf den neuesten Stand gebracht.

Die sorgfältig wissenschaftlich bearbeiteten und beschriebenen Stickereien stammen überwiegend aus dem reichen Bestand des V&A, ergänzt durch wichtige Objekte aus englischen Kirchenschätzen wie der Westminster Abbey oder der Canterbury Cathedral. Leihgaben aus bedeutenden europäischen Museen und dem Metropolitan Museum of Art in New York vervollständigen diesen textilen Schatz. Thematisch passende Buchmalerei, Glasfenster, Elfenbeinreliefs und einige andere Objekte erweitern das Sujet und verorten die Stickereien in dem kunsthistorischen Rahmen. Besonders hervorzuheben an Ausstellung und Katalog ist, dass nicht weniger als zwölf Pluviale, zwei davon als großformatige Zeichnungen, ausgestellt, meist doppelseitig und ergänzend mit vielen Details abgebildet und detailliert beschrieben werden. Diese etwa seit dem 10. Jahrhundert gebräuchlichen Chormäntel für Priester und Bischöfe, getragen bei Prozessionen und besonderen liturgischen Handlungen, weisen in aller Regel die reichste und sorgfältigste Dekoration aller Paramente auf. Es sind halbkreisförmige, mantelähnliche Umhänge, die auf der Brust mit der Chormantelschließe zusammengehalten werden. Form und Fläche der Pluviale sind eine Herausforderung an Künstler und Handwerker, und das Buch bietet die seltene Möglichkeit, die von ihnen gefundenen Lösungen miteinander zu vergleichen, die Sorgfalt und den Variationsreichtum der Stickerei zu bewundern und das in der Regel reichhaltige ikonographische Programm zu studieren. Neben Chormänteln, die meist aus englischen Kirchen und Klöstern ihren Weg in das Victoria & Albert Museum gefunden haben, sind Pluviale unter anderen aus den Vatikanischen Museen, aus dem Museum mittelalterlicher Kunst in Bologna, dem archäologischen Museum in Madrid und dem Palazzo Borgia im Pienza zusammengekommen, eine Konzentration hochwertigster mittelalterlicher englischer Stickereikunst, wie sie in dieser Zusammenstellung und Qualität wohl nie wieder zu sehen sein wird.
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