
Autor/en: Barbara Pregla, Anja Preiß
Verlag: Abegg-Stiftung
Erschienen: Riggisberg 2025
Seiten: I: 454, II: 466, III: 440, IV: 484, V: 428
Buchart: Leinen mit Schutzumschlag
Preis: CHF 475,00
ISBN: 978-3-905014-83-9
Kommentar: Michael Buddeberg

Ausgerechnet ein besonders dunkles Kapitel der christlichen Kirchengeschichte markiert die Geburt eines der weltweit bedeutendsten Kirchenschätze. Im Jahre 1204 geriet der vierte Kreuzzug außer Kontrolle, Christen des Westens überfielen Christen des Ostens und die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel wurde erobert, gebrandschatzt und geplündert. Der Halberstädter Bischof Konrad von Krosigk war dabei einer der dominierenden Akteure und sicherte sich wesentliche Teile der gewaltigen Beute. Objekte aus Gold, Silber und edlen Steinen, wichtige Reliquien, liturgisches Gerät und kostbare Seidenstoffe überführte er an seinen Bischofssitz Halberstadt.
Wie aus diesem Anfang im Verlauf der folgenden Jahrhunderte ein weit über eintausend Objekte umfassender Domschatz wurde, ist eine außergewöhnliche und spannende Geschichte, die im ersten des fünf Bände umfassenden Bestandskatalogs der Textilien im Domschatz zu Halberstadt breiten Raum einnimmt. Einzigartig ist, dass sich dieser Domschatz in einer nahezu ungestörten Tradition und wohl auch so gut wie vollständig am Ort seiner einstigen Nutzung erhalten hat. Entscheidend hierfür war zunächst, dass die Reformation, für die vor allem in ihrer frühen Phase radikale Aktionen wie Bilderstürme, aber auch gewalttätige Auseínandersetzungen, wie sie in den Bauernkriege die Regel waren, Halberstadt erst spät, nämlich zum Ende des 16. Jahrhunderts wirklich erreichte. Ein gemischt konfessionelles Domkapitel sorgte damals und auch weiterhin für Toleranz und schaffte es, dass sogar im Dreißigjährigen Krieg mit seinen stets wechselnden Fronten oder während der napoleonischen Besetzung die ehrwürdigen Paramente und deren Bilderschmuck überlebten, von den kostbaren Reliquien und ihren Behältern ganz zu schweigen. Eine ungewöhnliche Frühform gelebter Ökumene verband Elemente des katholischen Rituals mit neuen evangelischen Liturgieformen und verhinderte Traditionsbrüche, Vernichtungen, Plünderungen und Verkäufe. Mit der Säkularisation 1810 endete zwar die Herrschaft des Domkapitels, doch die historische Bedeutung des Paramentenschatzes war längst erkannt und fand im 19. Jahrhundert namhafte Beschützer. Zu ihnen gehörte auch der Sammler, Textilhistoriker und Kanonikus Franz Bock, dessen legendäre Schere allerdings auch Halberstädter Textilien nicht verschonte wie Fragmente in mehreren europäischen Museen belegen.
Sogar die Wirren des 20. Jahrhunderts überstanden die kostbaren Textilien unbeschadet; ihre Auslagerung im zweiten Weltkrieg in die Altenburghöhle bei Quedlinburg verhinderte deren Vernichtung durch das verheerende amerikanische Flächenbombardement von Halberstadt am 8. April 1945. Seit 1936 und erneut seit 1959 wird der Domschatz museal im Dom-Areal präsentiert. Aus Gründen aktueller wissenschaftlicher und museumsdidaktischer Gegebenheiten ist allerdings nur ein kleiner, wenn auch wesentlicher Teil der Textilien ausgestellt.
Umso wichtiger ist der nun vorliegende Bestandskatalog, eine großartige und bewundernswerte Leistung von fast 15 Jahren wissenschaftlicher Arbeit, die mit 400 Katalognummern den gesamten textilen Bestand des Kirchenschatzes erstmalig vollständig erfasst. Jedes Objekt wird wissenschaftlich erschlossen, technisch analysiert, kunst- und textilhistorisch eingeordnet und durch umfangreiche Foto- und Zeichendokumentation vorgestellt. Mehr als 1.200 Abbildungen und fast 300 Schnitt- und Musterzeichnungen auf 2.272 Seiten mögen eine Vorstellung über die umfassende Sorgfalt und wissenschaftliche Präzision vermitteln, die in diesem umfangreichsten, je von der Abegg-Stiftung publizierten Buchprojekt realisiert wurde.
Einhundert liturgische Obergewänder (Kasel, Dalmatiken und Pluviale einschließlich separater, gestickter Besatzteile) bilden den Kern (Bände 1 und 2), ergänzt um Elemente des priesterlichen und diakonalen Ornats wie Manipel, Stolen, Cingula und andere mehr (Band 3). Hinzu kommen Bestandteile der bischöflichen Amtskleidung wie Handschuhe, Strümpfe und vor allem kostbare und reich mit Perlen bestickte Mitren. Allerlei Paramente für die Messfeier, den Altar und den Kirchenraum, etwa Antependien und Fahnen folgen (Band 4). Herausragend ist hier der Bestand an gewirkten und geknüpften Teppichen. Diese monumentalen romanischen Bildteppiche von bis zu 10 Metern Länge aus dem 12. und frühen 13. Jahrhundert gelten neben einem Fragment in Oslo als die einzigen überkommenen Vertreter einer im frühen und Hochmittelalter sehr gebräuchlichen, textilen Ausstattung von Sakralräumen, wie man aus alten Verzeichnissen weiß. Dass diese Raritäten überdies aller Wahrscheinlichkeit nach im ost-fälischen südniedersächsischen Raum hergestellt wurden, ist als echte Überraschung zu werten. Eine wahre Fundgrube sind schließlich neben Borten unterschiedlichster Art und Technik, darunter natürlich auch „Kölner Borten,“ die mehr als einhundert Textilien für die Reliquienverwahrung (Band 5). Es sind fast ausschließlich Fragmente, manche zu klein für eine exakte Bestimmung von Technik und Herkunft, doch viele stammen nachweisbar aus dem östlichen Mittelmeerraum, aus Persien, Byzanz und reichen zurück bis ins 7. Jahrhundert. Besonders spektakulär ist hier ein in einem einfachen Bleikasten im Hochaltar aufgefundenes, in Kelimtechnik gewirktes Fragment mit einer fantasievollen, bunten Vogelgestalt, vielleicht ein dreiköpfiger Pfau, umgeben von einer Art sechseckigen Perlkreis und weiterem Dekor. „Südöstlicher Mittelmeerraum oder Mesopotamien/Bagdad, 10. Jahrhundert (?)“ lautet hier die mangels ausreichend vergleichbarer Objekte nur vage Einschätzung von Herkunft und Alter.

Naher Osten, 10.Jh?, Domschatz in Halberstadt
Einige Beispiele mögen für die materielle ubnd ästhetische Qualität und das ehrwürdige Alter hier genannt sein, etwa das Paar von Dalmatiken aus rotem Seidensamit des 12. Jahrhunderts, eine mit goldgestickten Löwen und die andere mit Kentauren auf Hirschjagd, ebenfalls in Goldstickerei, ein Motiv, das man eher in einer fürstlichen Handschrift als auf einem liturgischen Ornat vermuten würde.

Domschatz in Halberstadt
Beeindruckend auch ein zu einem Umhang umgearbeitetes Pluviale aus einem orientalischen oder spanischen Seidensamit, ebenfalls 12. Jahrhundert, mit sogenanntem Ritzmuster, das bei entsprechendem Licht wie aus Gold gewebt erscheint. Ein in Reliefstickerei gearbeitetes Kaselkreuz fasziniert durch die erstaunliche Realität der Christusdarstellung, die die Dualität des Sterbens ebenso wie die Überwindung des Todes durch die göttliche Herkunft zum Ausdruck bringt (um 1500). Die Darstellungen der schon erwähnten monumentalen Bildteppiche aus dem Alten und Neuen Testament (Szenen aus dem Leben Abrahams bzw. Christus als Weltenrichter mit Erzengeln und Aposteln)

aber auch mit einem säkularen Thema (Karl der Große mit Philosophen aus der Antike) stehen sowohl für die Vielfalt wie auch die Schönheit dieses Kirchenschatzes.
Die Textilien des Domschatzes von Halberstadt haben eine herausragende Bedeutung nicht nur wegen ihrer Geschichte, Kunstfertigkeit und Ästhetik. Sie illustrieren und belegen in ihrer Gesamtheit die reichen Liturgieformen am Halberstädter Dom und tragen zu einem anschaulichen Bild vom gottesdienstlichen Leben und dem Verständnis der heute weitgehend fernliegenden Religiosität des Mittelalters bei. Diese fünf Bände sind eine einzigartige Quelle für liturgisches, historisches, kunstgeschichtliches und textilkundliches Wissen und damit auch ein Ausgangspunkt für weitere Forschungen.

