
Autor/en: Karun Thakar et. al.
Verlag: ACC Art Books, HALI
Erschienen: Woodbridge, London 2025
Seiten: 414
Buchart: Leinen mit Schutzumschlag
Preis: GBP 60,00
ISBN: 978-1-78884-345-4
Kommentar: Michael Buddeberg
Karun Thakar, dem in London lebenden, selbständigen Unternehmensberater mit Schwerpunkt auf Hilfsprojekten für die Dritte Welt wurde die Sammelleidenschaft schon in die Wiege gelegt. Dieses Gen und sein frühkindliches Umfeld in Indien – seine Mutter betrieb ein Modeatelier in Delhi – hat den kleinen Karun alsbald in die Welt der Textilien verführt, seinen Sinn für die Schönheit und den Wert von Textilien geprägt. Kaum dem Kindesalter entwachsen hat er sein Taschengeld in die bunten Stickereien der Banjaren investiert, die am Markt um das Red Fort angeboten wurden. Auch nach dem Umzug der Familie nach Großbritannien erleichterte ihm die Liebe zu Textilien den Start in einem, den Immigranten nicht immer freundlich gesinnten Land. Gezielt Textilien zu sammeln begann er mit 21 Jahren und heute, gut vierzig Jahre später, gehört die Karun Thakar Collection zu den bedeutendsten, vielseitigsten und umfangreichsten privaten Textilsammlungen der Welt. Schenkungen und Leihgaben an Museen, vor allem aber eine Reihe von Ausstellungen und Publikationen haben die Sammlung bekannt gemacht und sind Zeugnis für Karun Thakars Anliegen, sein Wissen um die Technik, Schönheit, Vielfalt und Bedeutung von Textilien breiten Kreisen zu vermitteln.
Sein jüngstes Buch, ein gewichtiger Band im Groß-Quart-Format ist einer traditionellen indischen Textiltechnik gewidmet, deren Ursprünge irgendwo im Dunkel der Frühgeschichte verborgen sind. Doch immerhin dokumentiert das Buch mit mehr als 200 Beispielen etwa 600 Jahre (13. bis 19.Jahrhundert) eines aufwändigen textilen Handwerks, das sich zum Exportschlager und damit zu einer Triebfeder des internationalen Handels entwickelte. Feine Baumwolle in Leinwandbindung, durch vielfältige Behandlungsschritte weich und glänzend gemacht und mit leuchtenden Naturfarben dauerhaft mit floralen, ornamentalen und narrativen Darstellungen bemalt oder bedruckt machte Chintz zu einer grandiosen Erfolgsgeschichte.
Unter dem Begriff Chintz werden je nach Zeit und geographischer Region sehr verschiedene Betrachtungsweisen, Entwicklungen, Stilvarianten, letztlich also Geschichten erzählt, die in mehr als einem Dutzend Essays internationaler Textilwissenschaftler nachzulesen sind, unter anderen von Rosemary Crill vom Victoria & Albert oder von John Guy vom Metropolitan Museum in New York. Dass die Ordnung dieser Beiträge in vier Kapiteln nach den wichtigsten geographischen Zielen dieser indischen Exporttextilien erfolgt, ist überraschend aber konsequent.
Die mit Abstand ältesten Beispiele für diese bemalten und bedruckten Baumwollstoffe haben sich in Indonesien erhalten (Kapitel 2). Hier war es der Gewürzhandel, der den Austausch von Material und Kultur begünstigte und es war der zeremoniale, gleichsam heilige Charakter der von weither importierten Sarongs und Wandbehänge, der ihren sorgfältigen Umgang und damit die Bewahrung eines unvergleichlich reichen Textilerbes ermöglichte. Die Sammlung Karun Thakar enthält hier eine beachtliche Gruppe deren früheste Exemplare radiocarbondatiert bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Lebendige Jagdszenen mit Elefanten und Tigern oder reich gekleidete Gottheiten in Blockdruck mögen hier als Beispiele genannt sein.

Das umfangreichste Kapitel ist, auch wenn es nur die Zeit von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis ins 19.Jahrhundert umfasst, dem Chintz für Europa gewidmet (Kapitel 1). Ab etwa 1650 sorgte die British East India Co., später dann auch die Dutch East India Co. für massenhafte Importe, die einen beispiellosen Boom dieser den europäischen Stoffen aus Wolle, Leinen und sogar Seide in Tragekomfort und Design überlegenen indischen Ware auslösten. Das ging so weit, dass England, vor allem aber Frankreich zum Schutz der einheimischen Textilindustrie den Gebrauch von Chintz für Bekleidung und Einrichtung gesetzlich verboten. Sogar der Schriftsteller Daniel Defoe publizierte Pamphlete gegen den Gebrauch von Chintz. Doch gegen den Siegeszug der weißgrundigen, glänzenden und mit bunten Blüten bemalten Stoffe, Wandbehänge (Palampores), Bettüberwürfe, Polsterstoffe und dergleichen konnten auch die Verbote nichts ausrichten Erst industrielle Webtechniken, Druckverfahren und synthetische Farbstoffe beendeten ab der Mitte des 18. Jahrhunderts die Erfolgsgeschichte von Chintz und waren der Anfang einer textilen Rezession in Indien.
Erst in jüngerer Zeit kamen Chintz-Textilien in Sri Lanka, dem vormaligen Ceylon, auf den Markt (Kapitel 3). Neben Sarongs, Wandbehängen, Möbelstoffen und dergleichen fallen hier vor allem Stoffe mit figürlichen Darstellungen auf, etwa ein mehr als 8 Meter langer Tempelbehang des 18. Jahrhunderts mit Szenen aus dem Leben des tamilischen Dichters und Heiligen Manikharacakar. Ebenfalls im 18. Jahrhundert entstand ein Textil mit der Darstellung der gekrönten Maria mit dem Jesuskind, die in der Hand des freien Arms das Modell eines Segelschiffs präsentiert – Ausdruck für den Erfolg portugiesischer Missionare bei der Verbreitung des Christentums im südlichen Indien.
Das abschließende Kapital bringt Beispiele von Chintz aus Thailand und vor allem Japan, wobei allerdings offen bleibt, ob deren Produktion traditionell in Indien oder in indischer Manier an Ort und Stelle erfolgte. In Japan etwa reicht das Spektrum der Objekte von Soldatenjacken mit furchteinflößenden Dämonengesichtern bis zu fein gemusterten Täschchen und Textilien für die Aufbewahrung von Akupunkturbesteck oder Celadon-Porzellan.
Abschließend sind zwei besonders positive Aspekte dieses Buches hervorzuheben. Zum einen ist es die äußerst detaillierte Beschreibung der komplizierten und vielstufigen Herstellung von Chintz aus der Feder von Avalon Fotheringham, Kuratorin am Victoria & Albert Museum. Von der Ernte der Baumwolle im Inland, ihrem Transport zur Koromandelküste, den erforderlichen Schritten, um webfähiges Material zu erlangen und dem Gewebe Festigkeit, Glanz und Weichheit zu geben bis zur Herstellung der dauerhaften und brillanten Farben und deren Auftrag auf das Gewebe war es eine arbeitsteilige und zeitraubende Gemeinschaftsleistung vieler Handwerker und Künstler. Der weitere Vorzug ist die ungewöhnliche Illustrierung des Werkes, bei der Detailaufnahmen, diese sogar oft in doppelseitiger Wiedergabe, dominieren. Zahlreiche dieser Illustrationen sind so starke Vergrößerungen des Originals dass auch die lebendige Struktur des feinen Baumwollgewebes erkenn- und spürbar wird.
Das Buch ist eine Hommage an eine einzigartige, geschmacksbildende Textilkunst, die bis heute nichts von ihrer Attraktivität verloren hat.

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