Autor/en: Dietlinde und Christian Erber, Penny Oakley, Markus Voigt, Eleanor Sims, Katja Schmitz-von Ledebur
Verlag: Hali Publications
Erschienen: 2025 (2026)
Seiten: 384
Buchart: Leinen mit Schutzumschlag
Preis: GBP 60,00
ISBN: 978-1-8981-1389-8

Kommentar: Michael Buddeberg
Bücher von Sammlern über ihre Sammlungen besitzen oft in mehrfacher Hinsicht ganz besondere Qualitäten. Über die gesammelten Objekte hinaus erzählen sie entweder ausdrücklich oder auch zwischen den Zeilen vieles über die Person des Sammlers, über die Entstehung, das Wachsen und die Ausrichtung der Sammlung, über die Lieblingsstücke, begleitet von einem oft spezifischen Fachwissen, das durch die jahrelange intensive Beschäftigung mit dem Sammelgebiet weit über den wissenschaftlichen Durchschnitt hinausgeht. Und dann sind es die spannenden, überraschenden und manches Mal kuriosen Geschichten, wie einzelne Stücke ihren Weg in die Sammlung gefunden haben. Dazu gehören auch die verpassten Gelegenheiten, von denen wohl kein Sammler je verschont wurde und die dann zu den nie vergessenen, schmerzlichen Erinnerungen gehören. All das – und noch einiges mehr, wie hier zu berichten sein wird – zeichnet das Buch von Dietlinde und Christian Erber über ihre grandiose Kollektion der pauschal als Suzanis bezeichneten zentralasiatischen Stickereien aus, eine Sammlung, die zu den weltweit bedeutendsten dieses Genres gezählt werden darf.
Kennzeichnend für das unbestechliche Auge des Sammlerpaars und damit für die Qualität dieser Sammlung war der Erwerb der ersten Suzani, gleichsam also die Initialzündung für eine mittlerweile über 40-jährige Leidenschaft. Mit der im Herbst 1982 im Handel entdeckten, wenn auch restaurierungsbedürftigen Suzani des legendären Großmedaillon-Typs war es für das Ehepaar Erber, damals noch ohne spezielle Suzani-Kenntnisse, ein Einstieg in dieses Sammelgebiet auf höchstem Niveau.

Zehn Jahre später dann die verpasste Gelegenheit als eine schöne Suzani aus Sharisabz auf der Händlermesse der ICOC in San Francisco mangels der Möglichkeit einer raschen gemeinsamen Entscheidung am nächsten Morgen bereits an einen namhaften Sammler verkauft worden war. Nur Monate später in Maastrichts großer Kunstmesse machte Christian das so entstandene Defizit wieder wett indem er eine vergleichbare Suzani ohne Abstimmung mit Dietlinde als Überraschung zum anstehenden silbernen Hochzeitstag erwarb. Auch eine in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts datierbare Stickerei gehört zu diesen Storys, denn eine lückenlose, jedenfalls bis 1842 zurückreichende Provenienzgeschichte kann getrost als sensationell bezeichnet werden.

Der in Istanbul am Hof des Sultans Abdülmecid tätige deutsche Arzt von Altmann erhielt diese Suzani als Anerkennung für eine erfolgreiche Behandlung eines usbekischen Patienten; sie wurde schon damals in einem Inventar für alt und wertvoll gehalten.
Zu diesen sehr persönlich gehaltenen Texten gehört auch der Beitrag von Markus Voigt, ein Art Plauderei über Suzanis, Sammler, Erinnerungen, frühe Reiseberichte und über Christian Erber als sein Mentor mit der als ehrendes Kompliment gemeinten Feststellung, dass er ohne ihn nicht dort angekommen wäre, wo er heute ist.
Weit über diese persönlichen Aspekte hinaus ist es der wissenschaftliche Wert dieser Publikation, für den vor allem die Essays von Penny Oakley über die politische und ökonomische Geschichte der Region, über die Details und die Bedeutung des Handels und der Handelswege für die Musterentwicklung von Suzanis zählen, eine umfangreiche und detaillierte Zusammenfassung all dessen was man über die Entstehung dieser einzigartigen Kunstform bis heute weiß. Während über die Jahrhunderte vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit Nachfahren des Dschingis Khan mehr oder weniger chaotisch und kleinteilig um Macht und Einfluss in dem damals als Transoxanien bezeichneten Teil Innerasiens rangen, war die Region trotz des politischen Chaos immer ein gut funktionierender Teil der unter dem Begriff Seidenstraße zusammengefassten Handelswege, über den nicht nur Waren sondern auch Ideen, Handwerker, Techniken und schließlich sogar Muster zwischen Ost und West und Nord und Süd ausgetauscht wurden. Beginnend mit Shah Murad und später unter russischem Einfluss erlebte Transoxanien und hier insbesondere der zentrale Handelsplatz Buchara im 19. Jahrhundert eine Zeit politischer und wirtschaftliche Stabilität und Prosperität. Dies und die Zerstörung des Seidenzentrums Merv mit der Umsiedlung der Bevölkerung nach Buchara mag als Beginn des Aufblühens der Suzani-Kultur angenommen werden. Für deren meist von Blumen, Blüten und Blättern dominierten Muster dürften in erster Linie die Motive der Kunst der indischen Mogul-Dynastie Pate gestanden haben. Die Verzierung von Zelten aus Jodhpur, das Design mancher Bidri-Objekte aus Deccan oder Palamporis von der Koromandelküste könnten wesentliche Anregungen für die Mädchen und Frauen gewesen sein, die diese Suzanis für ihre Aussteuer hergestellt haben. Dies alles sind, wie immer wieder betont wird, bloße Vermutungen, denn zeitgenössische Literatur oder Fotos sind Mangelware. Reisende im 19. Jahrhundert waren fast ausschließlich Männer, die keinen Zugang zu den Räumen der Frauen hatten, in denen diese Arbeiten entstanden. So war es der Britin Andrea Meakin vorbehalten, ab sofort 1903 das erste ernst zu nehmende Buch über diese Stickereien zu veröffentlichen. Es ist das große Verdienst von Penny Oakley all diese späten und verstreuten Wissens- und Spekulationssplitter zusammengetragen, bewertet und zusammen mit dem Sammlerehepaar nach Technik, Herkunft, Ort, Alter, Verwendungszweck und Bezeichnung in einem opulenten Band publiziert zu haben.
Der Katalogteil zeigt achtzig Suzanis der Sammlung Erber, die das gesamte Spektrum dieser zentralasiatischen Kunst mit herausragenden Exemplaren abbildet, gedruckt jeweils seitengroß in exzellenter Farbqualität auf ein der Farbe des patinierten Baumwollgrundes angepasstes Papier, ergänzt um zahlreiche eingestreute doppelblattgroße Detailaufnahmen, die in extremer Schärfe und Vergrößerung auch kleinste Detail der Sticktechnik offenbaren. Es ist ein Fest für die Augen und eine eindrucksvolle Bestätigung der ästhetischen Eigenschaft dieser Kunstform, die ein Sammler einst als die „fröhlichsten Textilien“ treffend charakterisiert hat.
Mit zwei Beiträgen über die immer wieder in den blühenden Gärten versteckten Vögel, Wasserkannen und Figuren, gedacht wohl als Schutz gegen Dämonen und die bösen Blicke aus der Feder von Eleanor Sims sowie von Christian Erber über die in den Suzanis angewandten Sticktechniken und ihre Variantionen unter Verwendung einer 1961 erschienenen Broschüre der russischen Autorin Rassudova mit deren Zeichnungen und instruktiven Detailfotos von Suzanis aus der ehemaligen Vok-Collection schließt dieses Buch, das ab sofort als das Standardwerk zum Thema Suzani gelten darf.
