
Autor/en: Gérard J. Maizou, Kathrin Müller
Verlag: De Gruyter, Deutscher Kunstverlag
Erschienen: Berlin 2026
Seiten: 110
Buchart: Hardcover
Preis: € 79,00
ISBN: 978-3-68924-054-7
Kommentar: Michael Buddeberg
Spitzen als filigrane Textilkunstwerke erlebten ihre erste Blüte während der Renaissance. Ausladende Krägen und Halskrausen in vielen geschichteten Lagen waren zu einem eigenständigen Kleidungsstück geworden und sind aus den Portraits vornehmer bürgerlicher und adeliger Personen jener Zeit nicht wegzudenken. Die Zeit des Barock gebar neue modische Variationen; Venedig und die Hofhaltung des französischen Sonnenkönigs überboten sich in Spitzenleistungen dieser textilen Technik bevor die Entwicklung der modernen europäischen Textilindustrie mit neuen Möglichkeiten, Verfahren und Mustern die Spitzen zum Dekor von Unterwäsche degradierten. Davon unbeeindruckt wurde im östlichen Mittelmeer und im Osmanischen Reich im 19. Jahrhundert eine Sonderform der Spitze, meist mit dem türkischen Namen Oya bezeichnet, zu einem beliebten modischen Accessoire und schließlich zur weit verbreiteten Volkskunst. Nur mit Nadel und Seidenfaden werden schmale Borten von Blüten und Blättern, zwei- oder dreidimensional zum Randdekor von Kopftüchern, Schals und dergleichen verwendet. Es ist die Arbeit von Frauen und Mädchen, Bestandteil der Aussteuer und beliebter Dekor festlicher aber auch alltäglicher Frauenkleidung.
Oya für Männer sind eine seltene Sonderform dieser traditionellen Technik, die sich durch Größe, Form und farbliche Vielfalt auszeichnet und die von Gérard Maizou und Kathrin Müller nach fast zwei Jahrzehnten Sammeln und Feldforschung nun in einem aufwändigen, reich illustrierten Band vorgestellt wird. Diese Oya waren und sind vor allem kennzeichnend für eine Gruppe von Männern im westlichen Anatolien, vorwiegend aus dem bergigen Hinterland von Smyrna, dem heutigen Izmir, die sich auf das Freibeutertum früherer Jahrhunderte beriefen und so etwas wie den Status eines türkischen Robin Hood inne hatten. Diese Zeybek genannte Gruppe und ihre Anführer, die Efe, fielen vor allem durch ihre besonders fantasievolle Kleidung aus dem Rahmen des Üblichen. Insbesondere waren dies aufwändige Kopfbedeckungen, oft mehrere Fes übereinander, gehalten durch Bänder und Tücher. Frühe Fotos und Zeichnungen belegen, dass die Zeybek und Efe um die Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert damit begannen, diese Bänder und Tücher durch die bis dato überwiegend von Frauen und Mädchen getragenen Oya zu ersetzen. Durch die Verwendung besonderer Formen und die Verwendung vieler Farben entstand eine Designsprache, die diese Oya deutlich von dem Standard der Frauen-Oya unterschied. In der vom Tourismus geprägten Gegenwart der Türkei sind diese Oyas für Männer vor allem aus den bei Hochzeiten und Touristik-Veranstaltungen aufgeführten Zeybek-Tänzen bekannt, bei denen eine Gruppe von Tänzern mit oya-verzierten Kopfbedeckungen temperamentvolle Tänze mit adlerflügelgleichen Armbewegungen vorführt.
Diese Oya for Men, ihre spezifischen, zwei- und dreidimensionalen, meistens geometrischen und oft kreisrunden Formen und die Verwendung von manchmal mehr als zehn verschiedenen Farben werden in dem Buch mit wissenschaftlicher Tiefe beschrieben und mit vielen Illustrationen gezeigt. Seitengroß wiedergegebene Beispiele aus drei privaten Sammlungen mit eingehenden Strukturanalysen belegen die Schönheit und Vielfalt dieser Efe-Oyas aus der Mitte und der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Autoren und Verlag haben aus dem reichen Schatz dieser türkischen Nadelspitzen mit den Efe-Oyas ein besonders reizvolles Teilgebiet einer attraktiven textilen Kunstform ausgewählt und publiziert, gewiss in der Absicht, die Neugier der Leser für das seltene Thema und damit für das sehr viel umfangreichere Thema der Oya für Frauen und deren moderne Funktion in der aktuellen türkischen Haut Couture zu wecken. So ist dieses Buch „Oya Lace for Men“, eigentlich gedacht als der letzte und abschließende eines auf fünf Bände angelegten und im wesentlichen bereits abgeschlossenen Werkes, der vorweggenommene und krönende Abschluss einer bewundernswerten Leistung. Dem Buch, den Autoren und dem Verlag ist daher zu wünschen, dass der Erfolg des vorliegenden Bandes das Erscheinen weiterer Bände ermöglicht

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