The Atlas of World Embroidery

Autor/en          Gillian Vogelsang-Eastwood

Verlag:               Princeton University Press            

Erschienen:     Princeton und Oxford 2026

Seiten:             400

Buchart:          Leinen

Preis:               GBP 50,00

ISBN:             978-0-691-26191-1

Kommentar:    Michael Buddeberg

Die Autorin dieses „Welt-Atlas der Stickerei“ ist sich der Problematik, dieses wahrhaft gewaltige Thema auf 400 Seiten abzuhandeln, durchaus bewusst. Gillian Vogelsang-Eastwood ist Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt Textilien und Mode, Gründerin und Direktorin des Textile Research Center in Leiden und schließlich auch noch Autorin und Herausgeberin der auf acht Bände geplanten „Encyclopedia of Embroidery“, von der vier Bände mit insgesamt mehr als 2200 Seiten bereits erschienen sind (Besprechungen: siehe Archiv). So beginnt denn ihre Vorbemerkung mit der rhetorischen Frage, ob man die Welt der Stickerei in ein Buch packen kann? Da das unmöglich ist, präsentiert das Buch eine zwar eindrucksvolle aber notwendig subjektive Auswahl, die über all das, was weggelassen werden musste, kaum hinwegtäuschen kann. Entstanden ist eine alle fünf Kontinente und alle Klimazonen umfassende Reise zu den Hauptformen der Stickerei mit einigen ausgesuchten Exkursen zu ungewöhnlichen Sonderformen dieses Handwerks.

Bevor diese Reise beginnt kann man nachlesen, was Stickerei ist, den Versuch einer Definition zur Kenntnis nehmen, Material und Techniken studieren und einen Blick in die jahrtausendealte Geschichte werfen. Sticken ist, in aller Kürze ausgedrückt, ein Handwerk zur Dekoration eines Stoffes mittels Nadel und Faden als seiner wesentlichen aber nicht notwendig einzigen Elemente, um ein Design oder Muster zu bilden. Erfährt man dann, dass es weltweit wohl mehr als vierhundert verschiedene Stickstichtypen und deren Varianten und Kombinationen gibt, dass es neben der handwerklichen Nadelarbeit seit dem 19. Jahrhundert auch maschinell unterstützte bis vollautomatische Stickverfahren gibt, dass mittels der Nadel nicht nur Fäden aus Seide, Wolle und Baumwolle verwendet werden, sondern auch Bast, Stroh, Silber, Gold und synthetisches Material und dass Stickerei neben Webstoffen aller Art auch Leder und Filz verziert und darüber hinaus auch ohne solche Anwendungen aus sich selbst heraus zauberhafte Raumformen aus Nadelspitze bilden kann, wird vollends klar, dass sich die Reise um die Welt auf ausgesuchte Beispiele beschränken muss.

Der Hauptteil des Buches, der die Welt nach der Art eines Atlas in geographische Regionen gliedert, trägt dem Untertitel des Buches Rechnung: „A Global Exploration of Heritage and Styles“ –  Eine weltweite Erforschung von Kulturerbe und Stil. Er beginnt mit den beiden Halbkontinenten Amerikas, gefolgt von Europa, bildet mit der kleinteiligen Vielfalt Afrikas einen ersten Schwerpunkt, bevor Asien als die größte Landmasse auf dem Globus mit seiner ethnischen Diversität dominiert. Die Inselwelt Südostasiens und Ozeaniens mit Australien bildet dann den Schlussteil. Unter dieser Aufteilung versammeln sich etwa zweihundert knappe und mit bunten Fotos anschaulich illustrierte Essays zu ganz konkreten Stickarbeiten aus der jeweiligen Region, ein Kaleidoskop, das einen spannenden Einblick in die facettenreiche Welt der globalen Stickerei gewährt.

Als Beispiele für diese Vielfalt können hier etwa nordamerikanische Stickmustertücher genannt werden, die Mode der Sampler, die Siedler aus Europa in die Neue Welt mitbrachten. Auch die Quilts der Amish People hatten ihren Ursprung im alten Europa. Dekorative Stickereien, genannt Randa oder Huipil zieren Frauengewänder in Mexico und Guatemala während Panama sich mit Applikationsarbeiten, den Mola, präsentiert. Zarte Spitzen, etwa aus Dresden oder Madeira bilden einen starken Kontrast zu dreidimensionalen Stickbildern aus Großbritannien. Bestickte Westen aus Ungarn und Rumänien leiten über zu den zauberhaften Stickereien von den griechischen Inseln. Afrika überrascht mit gequilteten Rüstungen für Ross und Reiter aus der Sahel-Zone und hat mit den Fante-Fahnen aus Ghana und Benin eine nur dort praktizierte Besonderheit aufzuweisen. Marokko glänzt mit den feinen roten Stickereien der Azemmour und den geometrischen Arbeiten aus Chefchaouen im Rif-Gebirge. Die islamische Welt ist mit den goldgestickten Vorhängen für die Ka´aba im Mekka vertreten, mit osmanischen Tüchern und den filigranen Oya, bevor mit Stickereien aus dem persischen Rasht das ferne Zentralasien mit usbekischen Suzani, Tschirpi-Mänteln der Tekke-Turkmenen und kirgisischen Wandbehängen, den Tush-Kyiz, erreicht wird. Der Subkontinent ist vertreten mit Kaschmir-Schals, Pailetten-Stickereien, den Zardozi genannten Goldfadenstickereien und den Pulkhari aus Pakistan. Für China stehen gestickte Rangabzeichen neben bestickten Schuhen für die gewaltsam verkrüppelten Füße der Frauen chinesischer High Society. Mit einem Kostüm für das japanische No-Theater, einem Mantel japanischer Feuerwehrmänner und dekorativen Ainu-Roben soll diese beispielhafte Aufzählung ein Ende finden, nicht ohne zuvor noch auf ein Essay zu verweisen, das aber mehr eine phantasievolle Kuriosität als eine Stickerei beschreibt. Es sind dies Dosen oder Schachteln aus dem Nordosten der USA oder Kanada, komponiert und verziert aus den Rinden von Birken und anderen Holzgewächsen, gebleichten Wurzelfasern, gefärbten Stachelschweinborsten und zusammengehalten von Elchhaaren.

Der Weltatlas der Stickerei ist ein Kompendium zu einer äußerst vielseitigen, weltweit verbreiteten textilen Technik. Er bietet einen Einstieg für Liebhaber textiler Kunst und Gestaltung und Anregung für den angehenden oder erfahrenen Sammler. Auch Fachleute aus Museum, Ausbildung und Wissenschaft können mit interessanten Detailinformationen rechnen.

Der Weltatlas der Stickerei ist ein bemerkenswertes Bilderbuch mit kanppen Texten aus kompetenter Feder.

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