Sammeln, Ausstellen, Bewahren – Gewebesammlungen in Kunstgewerbemuseen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts

Autor/en          Nora Baur                                                          

Verlag:            Didymos-Verlag

Erschienen:     Affalterbach 2025

Seiten:             213

Buchart:          Hardcover

Preis:               € 58,00

ISBN:             978-3-939020-73-8

Kommentar:    Michael Buddeberg

Mit geraumer Verspätung erreichte die in England dank der Erfindung der Dampfmaschine sowie des maschinellen Spinnens und Webens schon im 18. Jahrhundert einsetzende Industrialisierung im 19. Jahrhundert auch das noch in zahlreiche Kleinstaaten zersplitterte Deutschland. Auch wenn die „industrielle Revolution“ auf lange Sicht Verbesserungen in allen Lebensbereichen bewirkte, führte sie zunächst zu einem drastischen Verfall der Produktqualität. Neben diesem Defizit an Qualität zugunsten der Quantität und dem Ersatz natürlicher Materialien durch künstliche Werkstoffe war vor allem der Verlust handwerklicher Expertise zu beklagen. All dies führte seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts zu Reformbestrebungen. Gleichsam als Auftakt sind die erste Weltausstellung in London im Jahre 1851 und das schon ein Jahr später in South Kensington gegründete Museum of Manufactures (seit 1899 Victoria & Albert Museum[M1] [M2] ) zu nennen. Es folgten 1864 das k.k. Österreichische Museum für Kunst und Industrie, 1867 das Berliner Gewerbemuseum (ab 1881 Kunstgewerbemuseum) und Dutzende vergleichbarer Institutionen in Europa und in den USA.

Eine jüngst publizierte, von Nora Baur überarbeitete Fassung ihrer 2018 an der Universität Bern eingereichten Dissertation behandelt in wissenschaftlicher Tiefe die Motive, Funktionen und Probleme dieser Einrichtungen, für die der Begriff Museum nach seinem heutigen Verständnis als einer Präsentation von repräsentativen Objekten für eine breite Öffentlichkeit nicht so recht passen will. Das Motiv für diese Sammlungen war primär der volkswirtschaftliche Gedanke, durch die Ausstellung nachahmenswerter Vorbilder vergangener Epochen die Fähigkeiten und den Geschmack von Produzenten – sei es nun Handwerk, Gewerbe oder Industrie – zu verbessern. Dabei standen Textilien neben Objekten aus Keramik, Glas, Metall oder Holz, neben Musikinstrumenten, Möbeln und allen Spielarten des Kunstgewerbes wegen der Bedeutung und des Umfangs gewebter Produkte für Bekleidung und Einrichtung des erstarkten Bürgertums ganz im Vordergrund.

Die Gewebesammlungen wuchsen rasch und konnten in wenigen Jahren einen Umfang erreichen, der in die Tausende ging. Die Vollständigkeit einer solchen Sammlung war wichtiger als herausragende Einzelstücke. Ziel war eine Art enzyklopädisches Abbild der Entwicklung des textilen Dekors über viele Jahrhunderte. Der Rückgriff auf vergangene Stilepochen entsprach dem Zeitgeist, später als „Historismus“ bezeichnet. Für die bloße Vorbildfunktion reichten natürlich auch kleinere Textilabschnitte. So gab es auch keine Hemmschwellen, größere Stoffstücke oder auch ganze Gewebebahnen auf Ausstellungs- und Ausleihformate zu vervielfältigen. Der Aachener Kanonikus Franz Bock, ein namhafter und eifriger Sammler von Paramenten, weithin als „Scherenbock“ bekannt, sorgte so für zahlreiche Dubletten, die noch heute in vielen öffentlichen Textilsammlungen nachweisbar sind. Erwerb aus privaten Sammlungen, Ankäufe aus dem Handel und gegen Ende des Jahrhunderts Nachschub aus archäologischen Quellen, etwa spätantike Textilen aus ägyptischen Grabungen vergrößerten den Bestand.

Entsprechend dem pädagogischen Motiv dieser Gewebesammlungen stand natürlich die ständige Ausstellung aller Objekte im Vordergrund. Eine Differenzierung zwischen Depot und Dauerausstellung gab es nicht. Daneben dienten oftmals langwährende Ausleihen an Unternehmen, Musterzeichner und Handwerker, Schulungen, Vorträge und Führungen der beabsichtigten Reform des Textildesign. Die Entwicklung von Montagesystemen, in der Regel mit Rahmen, die Fixierung der Textilien auf einem geeigneten Grundmaterial, im schlimmsten Fall mittels eines Klebstoffes, Ergänzung von Fragmenten durch Zeichnung oder Malerei und schließlich der Entwurf spezieller Präsentationsmöbel, die sich in manchen Museen bis heute erhalten hat, waren wichtige Aufgaben, die auf vielerlei Art gelöst wurden.

Das späte 19. Jahrhundert war auch die Zeit, als sich das Postulat der Denkmalpflege zu entwickeln begann und nicht nur Bauwerke, sondern auch historische und fragile Textilien erfasste. Die dem Vorbildcharakter dienende Zugänglichkeit ließ sich mit dem Begriffspaar Sicherheit und Erhaltung schwerlich vereinbaren. Probleme der Reinigung der Textilien, der Vermeidung von Lichtschäden und Insektenbefall, die Anwendung von Chemikalien oder gar Giftstoffen, die Vermeidung von zusätzlichen Gebrauchsschäden oder gar die nachteilige Wirkung der Schwerkraft gewannen mehr und mehr an Bedeutung und wurden von den Museen vertieft und häufig kontrovers diskutiert. Die Anpassung an Umweltbedingungen, Heizung, Belüftung und Beleuchtung beeinflussten Gestaltung und technische Ausrüstung der Museen. Das weitaus wesentlichste Dauerthema war aber die Frage: Konservieren oder Restaurieren oder, genauer, welcher Maßnahme war der Vorzug zu geben, einer präventiv konservatorischen Behandlung oder der Wiederherstellung eines vermeintlich ursprünglichen Zustandes? Die Reversibilität von Restaurierungen war hier eine Kompromisslösung, die indessen dem unbedingten Primat der Konservierung unterlag. Julius Lessing (1843-1908), Gründer und Direktor des Berliner Kunstgewerbemuseums sei hier als bedingungsloser Verfechter der Konservierung für viele andere namentlich benannt.

All diese Themen, das Sammeln, das Ausstellung und schließlich das Bewahren für die Zukunft wurden von der Autorin unter gründlicher Sichtung der Archive namhafter Museen und einschlägiger Literatur aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert untersucht und, ergänzt mit zeitgenössischen Zitaten und weiterführenden Anmerkungen locker und unprätentiös zu Papier gebracht. Zahlreiche Fotografien und Pläne aus dieser Frühzeit begleiten den Text und machen die vielfältigen Lösungen des Ausstellens von Textilien zusätzlich anschaulich, während sich im Original wiedergegebene Korrespondenz aus dem frühen 20. Jahrhundert auch mit Konservierungsfragen befasst. Kurzum ein wichtiges Buch zur Museologie, das nicht nur für Museumswissenschaftler und Historiker sondern auch für Liebhaber und Sammler alter und antiker Textilien einen Gewinn darstellt.


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