
Autor/en Nora Baur, Annette Kniep, Daniela C. Maier (Hrsg.)
Verlag: Didymos Verlag
Erschienen: Affalterbach 2023
Seiten: 200
Buchart: Hardcover
Preis: € 42,00
ISBN: 978-3-939020-85-1
Kommentar: Michael Buddeberg
(Vorbemerkung: Als Gegner des Genderns verfasse ich diese Rezension in traditioneller Form. Dass ich dabei ganz unüblich nicht die maskuline sondern die feminine Bezeichnungsform gewählt habe ist als Hommage an die Person gedacht, um die sich alles dreht: Birgitt Borkopp-Restle).
Es ist ein schöner, wenn auch nicht häufig gepflogener Brauch in der wissenschaftlichen Welt, die Emeritierung einer Professorin mit einer Festschrift zu krönen. Eine Sammlung von Beiträgen mit Themen aus dem Fachbereich der Jubilarin gewährt einen Einblick in ihr Leben,
in ihr wissenschaftliches Werk und dessen Bedeutung in der Vergangenheit, im Jetzt und in der Zukunft. Eine besonders eindrucksvolle Form einer Festschrift liegt vor, wenn diese Beiträge nicht nur aus der Feder namhafter Fachkollegen stammen, sondern von Personen, die als Studentinnen, Seminarteilnehmerinnen oder Promovierende der Jubilarin verfasst wurden. So ist es hier: Fast alle der Autorinnen der insgesamt 25 Beiträge – nur zwei stammen von Autoren – berichten, dass sie ihren beruflichen Weg ganz entscheidend der Lehrtätigkeit und dem vielfältigen, engagierten Wirken von Brigitt Borkopp im Bereich historischer Textilen und darüber hinaus der materiellen Kultur schlechthin verdanken (Brigitte Borkopp lehrte vor allem von 2004 bis 2022 als Professorin für die Geschichte historischer Textilien -Abegg-Stiftungs-Professur – an der Universität Bern).
Der Bogen der Themen dieser Festschrift ist weit gestreut. Er umfasst nicht nur Textilen, sondern entsprechend dem Interessenspektrum von Birgitt Borkopp auch Objekte aus ganz anderen Bereichen der angewandten Kunst. Das ist etwa die Viola da Gamba von 1691 aus der Werkstatt von Joachim Tielke in München, heute im Bayerischen Nationalmuseum, ein reich mit Einlegearbeiten aus Elfenbein, Schildpatt und Perlmutt eingelegtes Musikinstrument, das am bayerischen Fürstenhof wohl mehr als Kunstkammerstück denn als Musikinstrument gedacht war. Auch der „königliche Oldtimer“ im Nymphenburger Marstallmuseum, eine vergoldete Prunkkutsche von 1742 als Krönungswagen Kaiser Karls VII ist ein außergewöhnliches Symbol fürstlicher Repräsentation. Dessen Innenausstattung aus rotem, ziselierten Seidensamt dient hier als Brücke zum inhaltlichen Schwerpunkt dieser Festschrift, den Textilien:
Hier reicht der zeitliche Rahmen von der Spätantike bis ins 20. Jahrhundert. Eine vollständige Tunika aus einer antiken ägyptischen Nekropole mit dem typischen koptischen Besatz im Museum für byzantinische Kunst in Berlin ist Anlass für die Beschreibung der aufwändigen Konservierung dieses fragilen Objekts. Fragmente von ein- und demselben, sogenannten „Löwenkämpferstoff“, um 700 entstanden, die sich in Museen in Paris, London, Wien, Lyon, Washington und Florenz befinden, sind wohl Zeugnis des Wirkens des Kanonikus Franz Bock, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die damals gegründeten Gewerbemuseen belieferte. Am anderen Ende der Zeitspanne werden Textilien im Stil des Art Deco einer so gut wie vergessenen Textildesignerin vorgestellt, die für die Deutschen Werkstätten gearbeitet hat.
Im Beitrag über den gestickten Wandbehang zur Tristanlegende von 1539 im Leipziger Grassi-Museum wird Birgitt Borkopps Wirken für den textilen Bereich der Kunstgeschichte als ebenso prägend dargestellt wie der von Marie Schuette (1878-1975), die in ihrem monumentalen Werk über gestickte Bildteppiche und Decken des Mittelalters (1927) ebenfalls einen Tristan-Behang aus dem Kloster Wienhausen thematisiert hat. Weitere Ausstattungstextilien sind eine Tapisserie im Kunsthistorischen Museum in Wien als Beispiel für die zahlreichen Varianten der Tobias-Serie, hier mit dem Fang eines Fisches unter den Augen des Erzengels Rafael. Eine bisher unpublizierte Bettbordüre, um 1700 entstanden, aus einem Schloss im Berner Oberland zeigt Szenen aus der Josefsgeschichte des ersten Buches Mose. In einem miniaturhaft dargestellten Detail in einer Wirkarbeit des späten 15. Jahrhunderts im Bay. Nationalmuseum sehen wir eine Nonne am Webstuhl als eine Art Signatur und selbstbewussten Ausdruck klösterlicher Produktion. In vier, von Texten gerahmten Medaillons des Bamberger Antependiums von 1260, heute im Bay. Nationalmuseum, sind die Heiligen Drei Könige auf dem Weg zu Maria und dem Jesuskind dargestellt. Der Schaffhauser Tischteppich aus dem Schweizer Nationalmuseum, eine Wollstickarbeit aus dem Jahr 1533 zeigt im Feld ein Muster, als dessen Vorbild ein kleingemusterter Holbeinteppich unschwer zu erkennen ist. Abgesehen von diesem Hinweis auf Anatolien ist der Orient nur in zwei Textilien vertreten. Bei einer persischen Schärpe aus der Sammlung von Werner Abegg wird deren Herkunft aus dem Palast des Maharadscha von Jaipur klar nachgewiesen, während der Weg dieser Webarbeit in die Sammlung ganz im Dunkel liegt. Das andere Stück ist ein technisch sehr aufwändiges, signiertes Fragment eines Lampas-Seidengewebes mit Metallfäden aus safawidischer Zeit, das eine Szene aus der mystischen Literatur Persiens illustriert, heute im Textile Museum in Washington.
Dem Thema Bekleidung, von Kopf bis Fuß, profan und klerikal, sind mehrere Beiträge gewidmet. Eine Frauenhaube aus Tüll und Seidenbändern aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, einst für den Kopf einer Vorfahrin der Weindynastie v.Bassermann-Jordan gefertigt und der Zeremonialschuh eines bayerischen Reichsherolds aus derselben Zeit, bespielen die Redewendung „von Kopf bis Fuß“. Im Raum dazwischen findet man das Kinderkleid eines Berner Bürgermädchens von vielleicht vier Jahren aus der zweiten Hälfte des 18, Jahrhunderts, die Rekonstruktion des nur noch in Fotos und Beschreibungen existierenden Krönungskleides der Kaiserin Sissi im ungarischen Stil aber aus einer Pariser Werkstatt, eine in Graubünden erhaltene Kasel aus Tirol mit charakteristischer bunter Blumenstickerei und ein elegantes Galakostüm aus edlem, reich bestickten Material, das Jacques Necker, dem Finanzminister von Ludwig XVI gehört haben soll, Beispiel der Hofkleidung des Ancien Régime am Vorabend der französischen Revolution. Die reich mit naturalistischen Blumen bestickte Taufdecke für einen Täufling der Nürnberger Patrizierfamilie von Tucher im Germanischen Nationalmuseum aus dem 18. Jahrhundert, obwohl nur zum einmaligen Gebrauch bestimmt, wird hier dem Thema Bekleidung zugeordnet.
Gänzlich aus dem Raster kunstgeschichtlicher Kategorien und nur wenig bekannt fallen textile Siegelhüllen, die an einem wohlerhaltenen Ablassbrief aus dem Jahr 1333 angeordnet sind, der im Stiftsarchiv von St. Gallen verwahrt wird. Die Verwandtschaft mit textilen Reliquienhüllen drängt sich auf und die Verwendung kostbaren Materials, hier eines mit Gold gewebten mehrfarbigen Seidenstoffes ist für diese Textilien Programm. Ein Beispiel für eine webtechnische Innovation im frühen 17. Jahrhundert ist schließlich das Fragment eines Seidengewebes mit Granatapfelmuster im Metropolitan Museum in New York, bei dem zusätzlich eingetragene und aufgeschnittene Schüsse ein rautenförmiges Muster bilden.
Dieser Parforceritt durch die Festschrift für Birgitt Borkopp verzichtet ganz bewusst auf die Namen der Autorinnen und auch auf eine Bewertung der durchaus unterschiedlichen wissenschaftlichen Tiefe der Beiträge. Mein Text ist wie das Buch als eine Laudatio für Birgitt Borkopp gedacht. Erläuterungsbedürftig bleibt zum Schluss nur noch der Titel „Objekt(ge)schichten“. Er bringt zum Ausdruck, dass die besondere Leistung und Begabung von Birgitt Borkopp, ihr nachhaltiger und oft karrierebestimmender Einfluss auf ihre Studentinnen darin lag, nicht nur das Objekt der angewandten, überwiegend textilen Kunst zu sehen, sondern auch dessen Einbettung und Funktion in das soziologische, historische und künstlerische Umfeld, die Erforschung und Beschreibung aller Schichten und Wirkweisen des Objekts.

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